Für Leute, die mitreden wollen

Für Leute, die mitreden wollen

Denkstoffe zum An- und Aufregen

In „Bild der Wissenschaft 05/2012“
Woher weiß ich, dass ich „ich“ bin?
(In „bild der wissenschaft“, Ausgabe 3/2012)
Mindestens einmal am Tag verlieren wir unser Bewusstsein. Wir geben es sogar freiwillig auf, ohne uns zu fürchten – wenn wir schlafen gehen. Wir vertrauen einfach darauf, dass es wieder da ist, wenn wir aufwachen, zusammen mit unserem Ich, unserem Selbst. Warum das so ist, und wie das Bewusstsein überhaupt zustande kommt, das verrät der amerikanische Hirnforscher Antonio Damasio in seinem neuen Buch.
Kurz gesagt geht es ihm darum, wie im Geist des Menschen Bewusstsein entsteht und wie im Bewusstsein die Wahrnehmung der Welt und unseres Selbst stattfindet. Der für seine Arbeit vielfach ausgezeichnete Damasio beherrscht nicht nur sein Fach, sondern auch die Kunst, seine Leser mit leicht erzählten Anekdoten beim Nachdenken zu begleiten. Seine beiden Schlüsselfragen lauten: Wie erzeugt das Gehirn den Geist? Und wie entsteht das Bewusstsein unseres Selbst? Um Damasio beim Nachdenken folgen zu können, empfiehlt es sich, zunächst den 20-seitigen Anhang über den Bau des Gehirns zu studieren. Das erleichtert die Orientierung: Wovon spricht der Autor gerade, und wo im Gehirn ist das? Denn Damasio kann es seinen Lesern trotz seines Erzähltalents nicht ersparen, sie stellenweise tiefer hineinzuführen in die philosophischen Aspekte der Hirn- und Bewusstseinsforschung. Wer sich schon einmal mit, sagen wir, den Gedanken David Humes näher befasst hat, der tut sich gewiss leichter mit Formulierungen wie: „Das Selbst-als-Wissender beruht auf dem Selbst-als-Objekt.“
In solchen Passagen ist es keine Schande, auch mal einen Absatz zurück zu springen und ein zweites Mal zu lesen. Sobald man den Faden wieder aufgegriffen hat, führt Damasio einen auch wieder hinaus aus dem Labyrinth – und schließlich zu der Einsicht: Unser Bewusstsein ist die Folge einer langen bio logischen Entwicklung. Denn eines ist für Damasio ganz klar: Weder Religion noch Spiritismus können die Frage nach Gehirn und Geist beantworten. Denn unabhängig von Körper und Gehirn existiert sicher kein Bewusstsein.
Autor: Antonio Damasio
Verlag: Siedler, München 2011
Seiten: 368 S.
Preis: € 24,90
Böse Philosophen
Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung
Man kann dieses Buch aufschlagen, wo man will – man wird auf jeder Seite Sätze finden, die es wert wären, dass man sie sich über den Schreibtisch hängt. Oder bis zur Rotglut mit anderen darüber diskutiert.
Also machen wir den Versuch, Seite 206: „Selbstbesessen und kindisch, wie wir sind, erwarten wir von der Natur, dass sie ausschließlich für uns existiert, denn wir wollen glauben können, dass unsere Freuden und Leiden wichtig und sinnvoll sind.“ (...) „Wir erkennen, dass wir schwach sind, und erfinden deshalb eine Vision der Kraft (Gott); wir erschaffen aus unseren Ängsten eine Vision der Vollkommenheit (nach dem Tod), in der alle von uns wahrgenommenen Ungerechtigkeiten und Gebrechen aufgehoben sind.“
Dies ist nur eines der Themen, mit denen sich eine Philosophen-schar um Denis Diderot im Paris des 18. Jahrhunderts bei Kirche und Politik unbeliebt machte. Die Auflehnung gegen Autoritäten und die notwendige Emanzipation der Frauen waren andere, und sogar die Gedanken von Darwin und Mendel zu Evolution und Erblehre wurden hier schon 100 Jahre früher formuliert, wenn auch noch nicht wissenschaftlich belegt.
Für solche Gedanken kam man damals noch ins Gefängnis. Die französische Revolution wirkt eine zwangsläufige Folge.
Der in Wien lebende Historiker Philipp Blom hat mit seinem bissigen und oft lieben (Vor-)Urteilen lustvoll widersprechenden Buch – etwa über Voltaire und Rousseau – im Carl-Hanser-Verlag auf knapp 400 Seiten einen Zeitenspiegel vorgelegt, in den man gern ein zweites Mal schauen wird (24,90 Euro).
Gezeichnete Philosophie

(In „bild der wissenschaft“, Dezember 2011)
Nietzsche für Einsteiger
Gut gemeint, verschenkte Chance
Das hätte eine originelle Art werden können, sich dem Phänomen Friedrich Nietzsche zu nähern. Die Ansätze sind da: Stimmungsvolle Zeichnungen, zu dem Manne passend eher düster im Ton; Texte in Sprechblasen, die komprimiert sind und trotzdem oder deswegen viele Gedanken auf den Punkt bringen. Dennoch will sich keine reine Freude einstellen, und beim zweiten Blättern und Lesen kristallisieren sich die Mängel dieser Graphic Novel heraus:
Für den Kenner sind (in der deutschen Ausgabe) zu viele Fehler enthalten, vor allem bei den Zeitangaben des Ausbildungs- und Lebenswegs dieses Philosophen, der Deutschland und das Bild der Deutschen bis heute beeinflusst, nicht zuletzt durch seine anfängliche Begeisterung für Schopenhauer und Wagner, die später in radikale und enttäuschte Ablehnung umschlug.
Leser, die sich mit diesem Band erstmals an Nietzsche heranwagen, werden dagegen zu oft allein gelassen mit in Bildern geschilderten Ereignissen, zu denen die Worte fehlen. Oder ist es die Absicht der Macher, des Texters Michel Onfray und des Zeichners Maximilien Le Roy, dass die Leser andere Werke zur Hand nehmen müssen, um zu verstehen? Dass es Nietzsches jüngerer Bruder Joseph war, der schon mit zwei Jahren starb? Wer die geheimnisvolle Russin Lou ist, mit der er sich unterhält? Und wer zum Beispiel die Freunde Franz und Heinrich sind, mit denen er diskutiert (Franz Overbeck, ein Theologe; Heinrich Köselitz, der zum Katholizismus konvertierte). Es tauchen noch mehr Personen und Stationen auf, die zu kennen man nicht voraussetzen muss.
Es soll aber auch nicht unterschlagen werden, dass es seitenweise großartig gelungen ist, das Denken Nietzsches zeichnerisch darzustellen, seine Krankheit, seine Umwelt, seine Durchbrüche.
Das Buch Nietzsche ist im Knaus-Verlag erschienen, und die 19,99 Euro für 128 großformatige Bilder-Seiten wären besser angelegt, wenn der Verlag eine Zeittafel angehängt hätte und eine Liste mit den Namen der Verwandten, Freunde und Zeitgenossen, die Nietzsche und sein Denken - und unser Denken - prägten.
Weinwissen mit Witz und Würze
Wann bekommt man das schon: ein wirklich gut lesbares Fachbuch, gewürzt mit einer guten Prise Witz und Humor. Mit Informationen, die man gut auch in einem Fernsehquiz unterbringen könnte. Zum Beispiel, was ein „Kistensitzer“ im Mittelalter war. Der saß beim Weinhändler auf der Geldkiste und führte die Bücher.
Die Autoren Bergner und Lemperle – Lebensmittelchemiker der eine, Önologe der andere – lassen nichts aus. Sie behandeln die Geschichte des Weins ebenso wie seine Anwendungen in der Medizin (früher hatten die Apotheker eine Art Schankrecht), aber der Hauptteil des Buches gilt natürlich den Sorten, dem Anbau, dem Schutz des Weines. Dabei ist die inzwischen 4. Auflage um neue Erkenntnisse bei der Züchtung pilzresistenter Sorten, um neue gesetzliche Verordnungen und auch um Bemerkungen zum KLimawandel und seine Folgen für den Weinbau aktualisiert worden.
Das Buch wird dem Kenner noch die eine oder andere nützliche Information liefern, ist aber wohl besonders an den interessierten Laien gerichtet. Der wird mit neuen Kenntnissen über Sorten, Bezeichnungen und Lagen bereichert. Ein wertvolles Instrument für die nächste Weinverkostung im privaten Rahmen ist das Aromarad für Weiß- und Rotwein: In drei Sektoren gibt es aufsteigend für jeden Wein diffizilere Möglichkeiten, den Geschmack zu beschreiben. Ein Tip: Kopieren, Ausschneiden, in der Brieftasche mitnehmen.
Das „Weinkompendium“ von Gustav Bergner und Edmund Lemperle ist im Verlag Hirzel erschienen, umfasst 394 Seiten und kostet 49,– Euro.
Ran an die Fahne und rein ins Loch!
Alle Golflehrer, die selber keine Bücher schreiben, sagen, dass man aus Büchern nicht lernen kann, wie man besser Golf spielt. Aber manchmal findet man ein Buch, das dem Spieler hilft, seine kostbaren Stunden beim Pro besser zu planen. Dies ist eines.
Der Golflehrer Paul Dyer arbeitet im Club am Timmendorfer Strand an der Ostsee. Er konzentriert sich in diesem Buch auf die Verbesserung des kurzen Spiels, also auf die Schläge an die Fahne und das Putten auf dem Grün. Er tut das mit wunderbar lesbaren Analysen, klaren Beschreibungen der Fehlerquellen und tollen Tips für die eigenen Übungen. Dyer bietet Aha-Momente am laufenden Band und Anregungen für Trainingsformen, die so einfach und so sinnvoll erscheinen, dass mancher sich fragen wird, warum er da nicht längst selber drauf gekommen ist. Außerdem versteht er es, ohne erhobenen Zeigefinger auf Dinge hinzuweisen, die ein normaler Clubgolfer vielleicht NICHT versuchen sollte, wenn er nicht unnötig Gefahr laufen will, sein Ergebnis zu ruinieren.
Das war die gute Seite dieses Buches. Leider muss man dem Kosmos-Verlag aber – wieder einmal – eine unglaubliche Schlampigkeit bei der Bearbeitung vorwerfen. Jede Menge Druckfehler, kaum ein richtiger Seitenverweis innerhalb der Texte, falsche Zuordnungen von Fotos und Bildunterschriften machen das Lesen zur Qual. Die einzige Entschuldigung wäre, dass inzwischen in der Schlusskorrektur Ein-Euro-Jobber arbeiten, denen man dann die mangelhafte Qualität nicht vorwerfen könnte. Aber als Autor müsste man vom Verlag eigentlich Schadenersatz fordern.
Dennoch: Das Buch Kurzes Spiel – die 6-Wege-Strategie ist trotz seiner redaktionellen Mängel inhaltlich für alle Golfer bis hinab zu einem mittleren Handicap als Trainingshilfe zu empfehlen. Es ist, wie gesagt, im Verlag kosmos erschienen und kostet 19,95 Euro.